Señor Iraola,

ehe ich es mir noch anders überlege, sage ich es Ihnen lieber gleich und ohne Umschweife: Ich bin ein Scharlatan. Ich fürchte, Sie wissen es bereits. Sie sind selber Schauspieler; ich sehe es an Ihrer Haltung und Mimik; an manchen Ihrer Gesten und Gebärden. Darum aber wende ich mich an Sie, Señor; nicht nur, weil Sie der Erste sein werden, der mir auf die Schliche kommt (oder längst gekommen ist), sondern weil nur Sie die nötigen Fähigkeiten besäßen, den Schwindel eine Weile fortdauern zu lassen. Warum Sie das tun sollten? Ich versuche es Ihnen zu erklären.

Meine Philosophie ist echt, die Maschine im Foyer ist echt — ich bin es nicht. Zwar heiße ich Otto Lanz, doch geboren bin ich am 11. März 2019. Ich bin ein Mensch wie Sie, ohne unsterblich zu sein oder hellseherische Fähigkeiten zu besitzen. Den uns zwingenden Willen würde ich gerne von mir weisen und für meine Person als unzutreffend und nichtig abtun, glauben Sie mir, doch ich kann es nicht.
Ich bin nicht aus Seiner Herde entflohen, bin nicht der große Widersacher, der ich gerne wäre, auch wenn ich noch so wortreich und überzeugend dies behauptete. Ich bin nicht der Teufel. Oder ich bin es, aber nicht mit dessen Mitteln. Nicht ausgestattet mit der Ungnade Gottes. Seine Güte ist so groß, dass man ebenso von Ignoranz oder Blindheit sprechen könnte. Denn Seine Ungnade hätte ich mindestens verdient, oder nicht? Mindestens die Ungnade, Señor! Wenigstens die zur Kenntnisnahme der Opposition, wie sie noch in jedem Königreich oder régime der Menschheitsgeschichte geleistet wurde!
Aber was schreibe ich da, unsere Sorge ist eine ganz andere. Die Welt geht vor die Hunde; die Apokalypse vollzieht sich jetzt, in diesem Moment. Und seltsam, Señor: die Menschen haben sie sich immer ganz anders vorgestellt. Sie wurde immer als große Enthüllung oder Offenbarung gedacht, aber was kann schließlich anderes enthüllt und offenbart werden als die vollkommene Ernüchterung eines langen und mühsam zu lesenden Romans; die bittere Enttäuschung über ein unwahrscheinlich schlechtes Ende; übrigens nicht einmal die Enttäuschung ob des Endes, sondern ob des Einschnitts, denn der Roman endet lustlos in der Mitte; — was wird anderes enthüllt werden? Nichts.
Man kann jetzt die Konsequenz jeder Ursache nachvollziehen; alles ist völlig plausibel und schlüssig. Alles ist so gekommen, wie es kommen musste. Und doch wird man leise staunen, während man noch Teil der Geschichte ist: Kann es sein — ja,ist es denn wirklich möglich, dass das nun alles gewesen sein soll? Ich frage mich das immer wieder.

Mr. Percy hat kaum übertrieben, als er sagte, die Philosophie bestünde insgesamt bloß aus leeren Phrasen und viel Wortgeklingel. Zumindest wird sie heute überall so aufgefasst. Die Königsdiziplin der Philosophie ist die Metaphysik. Es liegt schon in der Natur der Sache, dass die empirische Wissenschaft hier nichts zu suchen hat. Und doch lautet der allgemeine Anspruch: „Faktizität", „Ergebnisse", „(Gegen-)Beweise", „Überprüfbarkeit", „Wiederholbarkeit". Aber schauen Sie doch nur, wie schnell die Naturwissenschaft an ihre Grenzen gelangt, wenn man sich bloß ein einmaliges Ereignis denkt, sei es noch so trivial. Ein einmaliges und ganz und gar eigentümliches Ereignis in der Weltgeschichte, ein kleines Alltagsphänomen im Kosmos, das vielleicht alle 12 Millionen Jahre auftritt. Dazu würde es keine Unterlagen geben, nicht wahr? Nicht eine einzige Zeile könnte man auftreiben, es gäbe keine Vergleiche, man könnte keine weiteren Schlüsse ziehen. Lassen Sie uns weiter voraussetzen, das Phänomen sei überraschend eingetreten und von kurzer Dauer. Man hätte es mit eigenen Augen gesehen, aber die Messinstrumente wären nicht vor Ort oder bereit gewesen. Wissen Sie, was da zu tun ist? Man verbucht das Ereignis als sogenannte Anomalie, und hofft, als Expertenicht allzu dumm dazustehen, wenn die Öffentlichkeit einen plötzlich mit Fragen traktiert, die einfach nicht zu beantworten sind. Das Ganze stünde man dann zwei bis sechs Wochen durch und hätte so für 12 Millionen Jahre wieder Ruhe. Ich zerbrach mir oft den Kopf darüber, wie jenes Urvertrauen der Menschheit in die Wissenschaft zustande kam. Die Antwort ist denkbar einfach: Die Wissenschaft irrt nicht — irrt wenigstens nicht lange — , denn sie arbeitet mit Erfahrungswerten, die immer und immer wieder falsifiziert werden. Sie verspricht nichts und hält alles.
Viel wichtiger jedoch: Die moderne Wissenschaft hat für den Einzelnen jederzeit vorweggenommen, was überhaupt Zeit seines Leben je erfahrbar war und sein würde. Sobald die Ergebnisse vorliegen und mehrmals nachgerechnet wurde, gibt es einfach nichts mehr zu denken. So wollen es die Leute. Genau hierliegt das Problem: Der Wahrheit dieser letzten Tage ist nicht mit Empirie beizukommen, sondern muss in so mühseliger wie notwendiger Gedankenarbeit von allen Köpfen a priori begriffen werden; die eigentliche Problematik dessen, was wir leichthin Weltuntergang nennen, muss endlich jeder dieser 9 Milliarden eigenständig im Geiste erfasst haben. Wir müssen die allererste Ursache kennen. Wir müssen Gott auf die Schliche kommen, Señor, und Sie müssen mir dabei helfen! Ich bitte Sie inständig!Ich sehe keinen anderen Ausweg.

Was ich Ihnen hier mitteile, ändert alles, das weiß ich. Ich täuschte Beweise für meine Philosophie vor, nur um Sie alle wenigstens zum Zuhören zu bringen. Es gab keine andere Möglichkeit, glauben Sie mir. Seit etwa zwölf Jahren nehme ich an den alljährlichen Konferenzen der International Gentleman Scientiststeil, und weiß recht gut, wie viel Beachtung mein Werk von dieser Seite erwarten darf. Allenfalls Thomas Read — Sie haben ihn gestern kennengelernt — setzt etwas Vertrauen in mich und meine Philosophie. Er war es auch, der sich schließlich dazu bereit erklärte, die Maschine auf meine Anweisungen hin bauen zu lassen; tatsächlich war ich es aber, der zuvor täglichauf ihn einredete und ihn für mein Projekt zu gewinnen suchte — schließlich wurden wir Freunde. Thomas tat mir letztlichbloß einen Gefallen, denn er glaubte nie daran, dass der Apparat wirklich funktionieren könnte. Andererseits glaubte er ebenso wenig an den Triumph der Wissenschaft. Ich erinnere mich noch gut an das Ende des vorletzten Treffens; die Kollegen waren allesamt abgereist und wir standen am Rand der Plattform, beide mit einem Glas Pinot Noir in der Hand, und sahen zum Meer hinaus. Dunkle Wolken verdeckten den Sonnenuntergang, den zu betrachten wir hinausgekommen waren. Thomas paffte an einer Zigarre, nahm sie mit der Rechten aus dem Mund, kniff leicht die Augen zusammen, die etwas vom Zigarrenqualm abbekommen hatten und sagte mit zufriedenem Lächeln: „Alles, was die Wissenschaft jetzt noch tun kann, ist die genaue Protokollierung des Zerfalls dieser Welt. Wir sind die erste und einzige Gattung, die ihr eigenes Aussterben evoziert, kommentiert, dokumentiert." Er suchte den trüben Horizont gedankenverloren nach weiteren Worten ab. Und dann, nach einer Weile; leise: „Wirklich verstehen werden wir das nie."

Señor Iraola, Sie wissen selbst, mit Gott ist es ein heikles Geschäft. Wo auf der Welt nach Ordnung und Sinn suchend göttlicher Verstand angerufen wird, gefunden wird immer nur ein unerbittliches Gedächtnis; wann immernach Liebe sehnend Hände zum Himmel sich emporstrecken, empfangen wird immer nur das gleichgültig hallende Echo eines dunklen schlagenden Herzens. Sie kennen den Gegner. Es ist an der Zeit, ihm entgegenzutreten.

In Freundschaft

Otto Lanz

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